Bitcoin, Iota und Co.: Bitcoin wird 10 Jahre alt

(Emden-Research.com – 15:00 Uhr) – In den vergangenen zehn Jahren sind sehr wahrscheinlich viele derjenigen, die sich für das allgemeine Zeitgeschehen interessieren, immer wieder auf den Begriff Bitcoin gestoßen. Ob in der Tagespresse, im Wirtschaftsteil von Zeitungen oder auf Internetseiten, oft wurde in diesen Publikationen über Bitcoin im Zusammenhang mit Hackerangriffen oder kriminellen Machenschaften berichtet. Doch seit Mitte 2017 hat sich die Wahrnehmung merklich verändert und es konnte ein spürbarer Schwenk von einer durchweg negativen Presse hin zu einer mehr objektiveren Berichterstattung vermerkt werden. Das lag vor allem daran, dass im Zuge des Krypto-Hypes mit Bitcoin-Kursen bei 20.000 US-Dollar selbst der letzte Finanzmarktexperte verstanden hat, dass sich Bitcoin vollends in der Welt der Finanzen als alternatives Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel etabliert hat. Dazu kam, dass die dahinter stehende Technologie, nämlich die Blockchain, erste Erfolge abseits von Bitcoin erreichen konnte. Im Grunde war es nicht Bitcoin, sondern Ether, die bislang zweitwichtigste Kryptowährung nach Bitcoin, die das Potential der Blockchain-Technologie erst richtig entfesseln konnte. Doch für die breite Masse bleibt die Blockchain-Technologie ein Buch mit sieben Siegeln.

Bitcoin und die Finanzkrise

Die Immobilienpreise in den USA begannen nach einer außerordentlichen Boomphase im Jahr 2006 zu sinken. Fachleute sprachen seit langem von einer Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt, die durch freizügige Vergabe von Krediten ohne Sicherheiten an Privatkunden aufgeblasen wurde. Durch die sinkenden Immobilienpreise wurden bei vielen Immobilienfonds und Banken erste Verluste und Pleiten sichtbar. Im Sommer 2008 zogen dann dunkle Wolken über den globalen Finanzmärkten auf. Die US-Wirtschaft fiel in eine tiefe Rezession, die letztendlich die Finanzkrise für die US-Notenbank nicht mehr beherrschbar machte. Die Insolvenzkandidaten hießen zu dieser Zeit Bank of America, Wachovia und Lehman Brothers. Nur wenige Wochen später geriet das weltweite Finanzsystem ins Wanken. Viele Marktakteure dürften sich an die Dramatik jener Tage erinnern. Die Lehman Brothers-Insolvenz fand am 15. September 2008 statt. Die US-Zentralbank rief in der Folge die Nullzinspolitik aus. Ein Teil des Vertrauens in unser Währungssystem brach in jenen Tagen zusammen.

Unterdessen werkelte der IT- und Krypto-Spezialist Satoshi Nakamoto (wahrscheinlich ein Pseudonym) an einer alternativen Währung. Als Nakamoto nach eineinhalbjähriger Arbeit am 31. Oktober 2008 sein Papier „Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System“ veröffentlichte, war die unmittelbare Wucht der damaligen finanzpolitischen Ereignisse taufrisch. Die Lehman-Pleite lag erst sechs Wochen zurück. Der beinahe Einsturz des weltweiten Finanzsystems dürfte Nakamoto den letzten Kick gegeben haben, sein Papier fertigzustellen. Zwei Monate später – am 3. Januar 2009 – wurde der erste Bitcoin transferiert. „Ich wäre überrascht, wenn wir innerhalb der kommenden zehn Jahre keine elektronische Währung nutzen würden“, verlautete Nakamoto damals. Im Jahr 2008 lagen alle Bausteine für Bitcoin vor: Die Verschlüsselungstechnik, die Peer-to- Peer-Systematik, die notwendigen Programmierkenntnisse. Es brauchte jemanden, der die Puzzleteile – mit ein, zwei neuen Ideen garniert – zusammensetzte. Nakamoto hat sich über seine Motive nicht zusammenhängend geäußert. Er zog es im Jahr 2010 vor, von der Bildfläche zu verschwinden. Aber er hinterließ genügend Spuren, um seine Motivation zu verdeutlichen. Das Wort „Vertrauen“ taucht in diesen Spuren als zentraler Punkt auf. „Den Zentralbanken muss vertraut werden, die Währung nicht abzuwerten. Aber die Geschichte des Fiat-Geldes ist in dieser Hinsicht voller Vertrauensbrüche“, so der Bitcoin– Erfinder am 11. Februar 2009 in einem Forum. „In unserem herkömmlichen System ist es notwendig, Banken zu vertrauen, die unser Geld vorhalten und es ohne große Reserven in Wellen von Kreditblasen verleihen.“, so Nakamoto weiter. Er will das alles nicht mehr. Er will dezentrales, anonymes Geld, über das der Nutzer selbst bestimmen kann. Er will eine Währung schaffen, die unabhängig von den Geldschöpfungen der Zentralbanken und der kommerziellen Banken funktioniert. Also modellierte Nakamoto eine Kryptowährung mit einer Wallet (engl. – deutsch: Brieftasche), die der Nutzer auf seinem PC oder Smartphone speichern kann. Nakamoto zeigte sich davon überzeugt, dass das digitale Geld beim Besitzer sicher ist.

Bitcoins sind ein Problem für viele Notenbanken

Die zunehmende Digitalisierung in unserer Gesellschaft macht auch vor den Bezahlsystemen nicht halt. Bargeld scheint vor diesem Hintergrund ein Auslaufmodell zu sein. Ebenso machen mehr und mehr Digital- bzw. Kryptowährungen auf sich aufmerksam. Mit dieser Entwicklung Schritt zu halten fällt vor allem dem Staat und Finanzinstitutionen schwer. Nachdem absehbar war, dass sich Kryptowährungen, und hier an erster Stelle Bitcoin, immer weiter durchsetzen und eine echte Alternative zum vorherrschenden Bankensystem sein können, waren viele Notenbanken in den letzten Jahren damit beschäftigt, zu verhindern, dass sich Bitcoins weiter in ihrem Wirtschaftsraum etablieren. Die Gründe für dieses kontra- produktive Verhalten sind von Notenbank zu Notenbank verschieden. Ein gutes Beispiel ist „Seigniorage“. Der anglo-amerikanische Ausdruck Seigniorage stammt von dem französischen Wort „seigneur“ ab und bezeichnet einen mittelalterlichen Fürsten. Im Mittelalter lag das Recht der Münzprägung beim Fürsten. Heute lieg dieses Recht, wie wir alle wissen, in den Händen des Staates. Der Begriff Seigniorage steht vor allem als Synonym für die Inflationssteuer, die der Staat erhebt, wenn er die Geldmenge erhöht. Denn die so erzeugte Inflation führt am Ende zu erhöhten Steuereinnahmen. Vor allem Staaten, die große Teile ihres Staatshaushalts über Seigniorage finanzieren, also Länder mit durchschnittlich hohen Inflationsraten wie Bolivien, Ecuador, Bangladesch und Vietnam, die übrigens schon allesamt Bitcoins in ihrem Einflussbereich verboten haben, könnten mit digitalen Zahlungsmitteln ein großes Problem bekommen. Denn nachdem sich die Leitwährung der „Kryptowelt“ als eine wahre Alternative zu Gold etabliert hat, besteht für die Bevölkerung die Möglichkeit, das klassische Seigniorage zu umgehen. Die hohe Anonymität, Fungibilität und Netzwerksicherheit der Blockchain-Technologie machen es möglich, so dass durch die Schaffung von digitalen Werten Kapitalverkehrskontrollen wirkungslos werden. Dazu kommt, dass auf Seiten der Bevölkerung in Zeiten hoher Staatsschuldenberge und ultra-lockerer Geldpolitiken die Skepsis und der Vertrauensverlust gegenüber dem Fiat-Geldsystem größer wird.

Blockchain-Technologie erst am Anfang

In den westlichen Industrienationen geht man konstruktiver mit dem Thema Bitcoins und Kryptowährungen um, wie es zum Beispiel die Bank of England tut, die zusammen mit der London School of Economics eine Forum für die Blockchain-Technologie geschaffen hat. In der Regel wird unter den westlichen Zentralbanken neben dem Wirtschaftswachstum viel wert auf Preisniveaustabilität gelegt. Das Problem für die westlichen Notenbanken mit Kryptowährungen könnte demnach anders gelagert sein, als es für Staaten mit traditionell hohen Inflationsraten der Fall ist. Mit der Verbreitung von direkten und sicheren Peer-to-Peer- Anwendungen wird ein belastbares Netzwerk geschaffen, dass den Intermediär beseitigt. Im Falle von Geldtransfers und Zahlungsabwicklungen ist es in der Regel ein Finanzdienstleistungsinstitut oder eine Bank, die durch die Anwendung der Blockchain- Technologie ersetzt wird. Für sich genommen ist dieser Prozess höchst effizient, denn die Kosten- und Aufwandsersparnis für den Anwender dieser Technologie ist signifikant. Jedoch für die nationalen Währungshüter könnte der Kontrollverlust, der mit dem Wegfall des Intermediär einhergeht, fundamental sein. Zum einen gehen wichtige Informationen, die für eine gute Geldmengensteuerung in einer komplexen Welt notwendig sind, verloren. Wenn Notenbanken aber nicht umfassend über die monetäre Lage in ihrem Hoheitsbereich informiert sind, dann könnten Fehlentscheidungen die Folge sein. Ein gutes Beispiel dafür, dass die Notenbanken immer und zu jeder Zeit bestens informiert sein müssen, ist die Rezession, in die die US-Wirtschaft 1982 rutschte. Damals wurde die US-Ökonomie durch die unvorhergesehene und immer noch ungeklärte Verminderung der Umlaufgeschwindigkeit des Notenbankgeldes (in diesem Fall M1) in eine tiefe Rezession hineingezogen. Da die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes in den sechziger und siebziger Jahren beständig wuchs, konnte keiner ahnen, dass sich dies plötzlich ändern sollte. Die US-Notenbank Fed war zu jener Zeit damit beschäftigt, die hohe Inflation zu bekämpfen und leitete eine restriktive Geldpolitik ein. Hätte sie gewusst, dass die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes deutlich sinkt, dann hätte die US-Notenbank wahrscheinlichen ihre anti-inflationäre Politik nicht aufgelegt, denn eine sinkende Umlaufgeschwindigkeit des Geldes wirkt per se wie eine restriktive Geldpolitik. Das Resultat war eine der tiefsten US-Rezessionen nach der großen Depression der dreißiger Jahre. Heutzutage wäre die Fed wahrscheinlich besser für solch einen Fall gerüstet. Aber das Beispiel zeigt, wie wichtig es für Notenbanken ist, das gesamte Bild zu sehen.

Entmachtung der Notenbanken?

Auch der monetäre Transmissionsmechanismus könnte erheblich durch die Verbreitung und Anwendung von digitalen Währungen gestört werden. Der monetäre Transmissionsmechanismus ermöglicht der Notenbank, dem Wirtschaftsverkehr Geld zu entziehen oder es hineinzupumpen. Dafür braucht eine Zentralbank einen Transmissionskanal. In einem Fiat-Geldsystem ist dies zumeist ein Oligopol aus Finanzdienstleistern und Banken. In einer Welt mit weit verbreiteten Peer-to-Peer-Anwendungen könnte der monetäre Transmissionsmechanismus in seiner Wirksamkeit stark beeinträchtigt werden, da es keine Möglichkeit mehr für die Notenbank gibt, Einfluss auf den Preis von Geld auszuüben, nämlich den Zinssatz. Spinnt man das Rad konsequent weiter, dann könnten die nationalen Notenbanken von den Kryptowährungsanwendern entmachtet werden. Nicht zuletzt aus diesen Gründen diskutieren Vertreter von Notenbanken heute offen darüber, ob staatliche Kryptowährungen ein mögliches Geldmodell der Zukunft sind. Jedoch stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob und welche Kryptowährungen in Zukunft das Zeug dazu haben, den Status und die Akzeptanz eines Zahlungsmittels zu erreichen.

Die Frage nach einer globalen Währung

Bitcoins könnten aufgrund ihrer programmatischen Ausstattung eher die Anforderungen für ein digitales Wertaufbewahrungsmittel erfüllen, denn die Anzahl an emittierten Bitcoins steht mit 21 Millionen unwiderruflich und für alle Zeit fest. Eine gut geölte Weltwirtschaft braucht aber eine moderate Inflation, damit sich Wirtschaftswachstum und Fortschritt entfalten können. Sollte eine globale Währung entstehen, dann könnte befürchtet werden, dass die armen Länder dieser Welt, die vorher die nationale Geldpolitik benutzten, um den Wechselkurs auf- und abzuwerten, diese wirtschaftspolitische Option verlieren würden. Diese Länder könnten in einer Zukunft mit nur einer globalen Währung dem geballten Produktivkapital der westlichen Nationen wehrlos gegenüberstehen. Die Zukunft wird es zeigen, wie die Politik reagiert. Aber eins sollte den politischen Entscheidern klar sein, der Kryptowährungsgeist ist aus der Flasche und keine Macht der Welt kann ihn wieder einfangen.

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Oliver Bossmann arbeitet schon seit über 15 Jahren mit CFD- und FX-Brokern zusammen. Er besitzt ein umfangreiches Wissen über die Programmierung von Handelssystemen, fundamentaler sowie technischer Marktanalyse. Oliver Bossmanns Devise beim Trading: Diversifikation in unterschiedlichen Anlageklassen und etablierten Strategien ist Trumpf! Bevor er zu Emden Research kam, hat Herr Bossmann als Finanzmarktanalyst die Forschungsabteilungen in Deutschland für den US-amerikanischen Broker FXCM und den in London ansässigen Broker ETX Capital geführt. Davor hat er als Leiter Trading für FXFlat erfolgreich die Konten von privaten Klienten und Organisationen verwaltet. Als ausgewiesener Finanzmarkt-Insider hat er das Potential von Blockchain-Technologie und Kryptowährungen für die Finanzbranche und das moderne Geldsystem schon früh erkannt und sich in den vergangenen Jahren auf diesen Bereich fokussiert.

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