Türkische Lira im Sturzflug – Hintergründe und Ausblick

(Emden-Research.com – 12:00 Uhr) –  Die Türkei-Krise ist ein Parade-Beispiel für jede Vorlesung über Geldpolitik und Schwellenländer. Die türkische Lira befindet sich seit Mitte März 2018 auf Talfahrt, und verzeichnet mittlerweile eine über den Verbraucherpreisindex gemessene Inflation von satten 17,9 Prozent (Stand August 2018). Die Türkei ist mit Erdogan in eine politische Krise geschlittert, die das Land nachhaltig spalten könnte. Nun sehen sich die Türken bei sinkendem Wirtschaftswachstum mit einer Währungskrise konfrontiert. Standard & Poors stufte die Türkei von BB- auf B+ herab. Ökonomen sehen eine Rezession in greifbarer Nähe.

Wie ist es dazu gekommen?

Erdogan ist die zentrale Figur in der jüngsten und unruhigen Geschichte der Türkei. Er hat es geschafft, die Gewaltenteilung der parlamentarischen Demokratie zu schwächen, indem er ein Präsidialsystem einführte. Dadurch kann er auf die gesetzgeberische Macht des Parlaments verzichten. Er vereint die drei Gewalten in seiner Person als Staats- und Regierungschef. Ein Land, dass auf dem besten Weg in eine Autokratie ist, und dessen Entwicklung unsicher vorherzusagen ist, lässt Investoren zurückschrecken. Staatliche Willkür und rechtliche Unsicherheit sind das Gegenteil von dem, worauf ein Investor baut. Seit 2009 hatte Erdogan das Wirtschaftswachstum zwischen jährlich 4% und 11% auf seiner Seite. Bereits 2016 war mit 3,18 Prozent Wachstum ein erster Einbruch zu verzeichnen, der auch dem Putschversuch Mitte 2016 und den darauffolgenden Unruhen und zweifelhaften Strafverfolgungen zugeschrieben werden kann. Um die Wirtschaft zu stützen, reagierte die Regierung mit subventionierten Krediten. Die Zentralbank beließ den Leitzins auf seinem Niveau.

Staatsverschuldung in USD und EUR

Der Mechanismus wirkt wie aus dem Lehrbuch: Als Schwellenland ist es nicht ungewöhnlich, dass mehr importiert als exportiert wird, jedoch hat die Auslandsverschuldung ein zu großes Maß angenommen. Türkische Unternehmen besorgten sich billig Geld und sind mittlerweile mit 70% der Wirtschaftsleistung des Landes verschuldet. Auch die Schulden der Privathaushalte haben sich in den letzten 10 Jahren massiv erhöht. So ergibt sich ein Wirtschaftswachstum, dass sich zum großen Teil aus Schulden nährt. Die signifikant erhöhte Inflation seit Mitte 2018 wirkt nun als Brandbeschleuniger. Der Konflikt mit den USA auf verschiedenen Ebenen gab der türkischen Währung den Rest. Mit einer Lira, die seit Jahresbeginn etwa 40% Prozent an Wert gegenüber dem Dollar verloren hat, lassen sich die Auslandsschulden nur schwer fristgerecht zurückzahlen. Der Wertverlust der Lira lässt die Schuldenlast auf den Schultern der türkischen Wirtschaft immer schwerer wiegen. Dass sie dadurch einbricht, ist nicht unwahrscheinlich.

Sattes Wachstum nach der Finanzkrise

Statt also auf antizyklische Geld- und Fiskalpolitik zu setzen, investierte die Türkei massiv in Infrastruktur-Programme und machte vor allem das Baugewerbe zu einem starken Motor der Wirtschaft. Auf diese Weise manövrierte sich das Land seit 2009 ziemlich gut aus der Finanzkrise heraus. Niedrige Zinsen, eine hohe Inflation und Investitionen in Infrastruktur-Projekte halfen dem Wachstum auf die Sprünge. Die Reallöhne stiegen, wodurch Investitions- und Konsumgüter aus dem Ausland stärker nachgefragt wurden. In Relation zur Wirtschaftskraft floss sehr viel Geld aus der Türkei ins Ausland. Die Wirtschaft brummte weiter. Noch immer kürzte die Regierung die Investitionen nicht, und auch der Leitzins wurde auf seinem Niveau belassen und heizte den Kessel immer weiter an. Erst im Mai 2018 hob die Zentralbank den Leitzins von 8,0 auf 16,5% und konnte den Absturz der Lira vorerst stoppen.

Die Realwirtschaft fällt hinterher

Doch nun werden die realwirtschaftlichen Folgen spürbar und die expansive Geldpolitik rächt sich. Statt in die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit wurde das Geld in Infrastruktur und den Bau von Immobilien gesteckt. Die Gesamtschulden liegen bei etwa 466 Milliarden USD. Da die Kredite fast ausschließlich in USD und EUR getätigt wurden, bringt die Abwertung der Lira die Türkei in eine Zwickmühle. Unternehmen müssen durch die Abwertung fast das vierfache von dem zurückzahlen, was sie sich vor 4 Jahren geliehen hatten. Das Eigenkapital der Banken löst sich momentan in zarte Rauchwölkchen auf.

Wie tangiert das die EU?

1. Eine Karte, die Erdogan in der Hand hält, ist das Abkommen zu Geflüchteten. Die Türkei fungiert für die EU als Schutzwall und hat dafür bislang 3 Milliarden Euro bekommen. Weitere 3 Milliarden sind für die nächsten zwei Jahre veranschlagt. 2. Der türkische Finanzsektor ist stark in Europa eingebunden. Europäische Banken sind die größten Gläubiger der Türkei. Das europäische Bankensystem ist von einer türkischen Wirtschafts- und Währungskrise durchaus betroffen. 3. Der Kern von Konflikten lässt sich in den allermeisten Fällen in Rohstoffen finden. Die Türkei ist mit Gaspipelines durch türkisches Staatsgebiet ein sogenannter Energie-Korridor für die EU. Die Alternative heißt Russland. Wer also Russland umgehen will, kommt an der Türkei nicht vorbei. Werden beide Hähne zugedreht, bliebe noch die Option, Fracking-Gas aus den USA zu beziehen. Die EU schweigt sich beharrlich aus und lässt eine Eskalation durch die USA ungehindert zu. USA – Wie du mir so ich dir: Ein vermeintlich simples Spiel Das Säbelrasseln der USA mit der Türkei zeigte sich zuletzt in Form einer Verdopplung der Einfuhrzölle auf türkische Stahl- und Aluminiumimporte in die USA. Ein gewaltiger Schlag auf die türkische Lira. Wegbereiter hierfür war die Verhängung von Hausarrest statt einer Freilassung für den US-Pastor Brunson, der 2016 als Terrorverdächtiger in der Türkei festgenommen wurde. Das kann gewertet werden als Erdogans Antwort auf die Weigerung der USA, Fethullah Gülen an die Türkei auszuliefern. Gülen wird von Erdogan beschuldigt, maßgeblich für den Putschversuch 2016 verantwortlich zu sein. Vordergründlich stehen hier politische Unstimmigkeiten als Ursache des Konfliktes im Raum. Während die EU sowohl im Finanzsektor, als auch realwirtschaftlich stark mit der Türkei verstrickt ist, sind die USA in der Türkei vor allem militärisch engagiert. Der Druck auf die Lira durch die USA schmerzt sie selbst folglich herzlich wenig.

Schnittpunkt Nato

Ein Schnittpunkt der USA mit der Türkei ist deren Mitgliedschaft in der NATO. Die politischmilitärischen Verflechtungen in Syrien bezüglich der IS- und Kurden-Thematik spaltet die NATOPartner. Militärisch und monetär relevant ist das Vorhaben der Türkei, das Luftabwehrsystem S-400 nicht von ihren westlichen Partnern zu kaufen, sondern es aus Moskau zu beschaffen. Das wäre definitiv nicht im Sinne der USA, denn dies gäbe Russland und der Türkei Gelegenheit an militärisch wichtige Informationen über die Kampfjets der NATO zu kommen – abgesehen von der Investition, die dadurch nach Russland fließen würde, statt in westliche Taschen. Zudem droht die türkische Regierung damit, die Beteiligung an der Produktion des kürzlich eingeweihten NATOFliegers F-35 einzustellen. Dies würde die Lieferkette erheblich beeinflussen.

Die Schwellenland-Problematik

Salopp gesagt: Wenn ein Schwellenland in die Rezession stürzt, fallen alle anderen Schwellenländer wie Dominosteine. Noch salopper: Wenn ein Apfel vermeintlich anfängt zu faulen, entscheiden sich Investoren vorsichtshalber gegen Äpfel insgesamt und setzen stattdessen lieber auf solide Ananas. Das gebeutelte Argentinien befindet sich als metaphorischer Apfel in solch schlechtem Zustand, dass es 2018 einen Deal mit dem IWF einging. Staatliche Kürzungen sind jetzt Programm. Indien schlittert hinterher, und auch die Türkei steckt im benachteiligten Obstkorb. Der Handelsstreit der USA mit dem Schwellenland China könnte diese Tendenz verstärken und weitere Schwellenländer mitreißen. Die politische Krise in Brasilien beispielsweise hat sich in den letzten Monaten weiter verschärft und macht Brasilien wieder wesentlich verwundbarer als noch vor 4 Jahren.

Ausblick

Das wichtigste Kriterium für eine Zentralbank ist deren Unabhängigkeit von Regierungspolitiken. Auch wenn sich diese Unabhängigkeit in verschiedenen Staaten mehr oder weniger anzweifeln lässt, so ist es doch für Investoren ein wichtiges und vor allem schlechtes Signal, wenn der türkische Präsident ganz offenbar auch in Angelegenheiten der Zentralbank das Zepter in der Hand hält. Die Kommunikationspolitik der Zentralbank ließ zuletzt zu wünschen übrig. Die Entscheidung zum Leitzins am Donnerstag den 13.09 wird den Investoren einen weiteren Aufschluss über die Vertrauenswürdigkeit der Zentralbank und der Lira geben. Etwa fünf Tage vor der morgigen Leitzinsentscheidung lassen sich mögliche Einpreisungs-Effekte in Form einer leichten Aufwertung der Lira gegenüber dem US-Dollar beobachten. Offenbar wird eine stärkere Anhebung des Leitzinses über die Erwartungen hinaus angenommen. Sollten die Zinsen wesentlich angehoben werden, würden die Refinanzierungen von Krediten entsprechend teurer werden und erst recht in ein Rezession führen können — bei weitem keine einfache Entscheidung für die türkische Zentralbank. Bleibt zu hoffen, dass in der Riege der Schwellenländer kein Domino-Effekt eintritt. Die EU wird sich möglicherweise weiter bedeckt halten. Für sie stehen geostrategische und finanzielle Fragen im Raum und weder ein Konflikt mit den USA, noch eine Überwerfung mit der Türkei sind gewollt. An einem beidseitigen diplomatischen Kompromiss mit der Türkei wird man nicht vorbei kommen. Über Trumps weiteres Vorgehen mag man kaum Vermutungen anstellen. Bislang zieht er Sanktionen am laufenden Band durch. Wie weit er die Türkei in die Knie zwingen will und kann, bleibt abzuwarten.

 

Analyse geschrieben von Laura Menke

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